Sie warteten nicht auf Rom

Einsiedeln, 1526: Ein Kloster ohne Konvent, ein Abt, der nicht mehr kann – und Schwyzer, die nicht auf Zuständigkeit warten. Was Verantwortung von Amt unterscheidet.

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Adrian Bourcevet

Adrian Bourcevet

11 Min. Lesezeit

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Einsiedeln, 1526. Die Geschichte einer Wiedergeburt, die nicht von den Zuständigen ausging.

Der Mann, der nicht mehr kann

Einsiedeln, 20. Juli 1526. In der Abteiwohnung des Klosters legt ein alter Mann sein Amt nieder. Konrad von Hohenrechberg ist 86 Jahre alt. Seit 46 Jahren steht er der Abtei vor, einem der bedeutendsten Wallfahrtsorte nördlich der Alpen. Das Professbuch des Klosters hält den Vorgang nüchtern fest: Der Abt verzichtet wegen seines hohen Alters auf die Abtei, in die Hände von Landammann und Rat zu Schwyz.

Man sollte diesen Mann nicht vorschnell beurteilen. Konrad hat den Ort durch schwierige Jahrzehnte getragen. Er hat einen Brand erlebt, Abgänge, Umbrüche, den langsamen Schwund seiner Gemeinschaft. Er ist kein Schuldiger und kein Versager. Er ist ein Mensch, dessen Kraft zu Ende geht. Das passiert. Es passiert Äbten, es passiert jedem, der lange genug Verantwortung trägt.

Das eigentliche Problem beginnt erst mit seinem Verzicht. Denn hinter Konrad steht fast niemand mehr. Die klösterliche Gemeinschaft von Einsiedeln ist zu diesem Zeitpunkt praktisch auf einen einzigen Mönch zusammengeschrumpft: auf den 86-jährigen Abt selbst. Wenn er geht, geht das Kloster.

Wer übernimmt Verantwortung, wenn derjenige, der sie qua Amt trägt, sie nicht mehr tragen kann?

An diesem Julitag hat niemand eine Antwort.

Ein Kloster stirbt nicht an einem Tag

Um zu verstehen, wie es so weit kam, muss man einige Jahrzehnte zurückgehen. Einsiedeln war ein Adelskloster. Wer hier Mönch werden wollte, musste von Adel sein. Das Professbuch beschreibt einen Konvent aus Adeligen, die untereinander nahe verwandt waren. Diese Regel war einmal Teil der Identität des Hauses. Sie verband das Kloster mit den mächtigen Familien der Region, sie sicherte Besitz, Beziehungen und Rang.

Dieselbe Regel wurde zum Nadelöhr. Der Kreis der Familien, aus denen Nachwuchs kommen konnte, war klein. Er wurde kleiner. Als der Konvent Konrad 1480 zum Abt wählte, zählte er noch drei Wähler, unter ihnen der Humanist Albrecht von Bonstetten. Dann starben sie, einer nach dem anderen: Barnabas von Mosax 1501, Bonstetten wenige Jahre darauf. Es rückte kaum jemand nach, denn der zugelassene Kreis von Familien gab kaum noch Söhne her. Eine Regel, die einst Stärke bedeutete, trug nun still zur Schwäche bei. Niemand hatte sie böswillig erlassen. Niemand hob sie auf.

Dazu kamen die Schläge von aussen. Im März 1509 brannte es in Einsiedeln. Das Feuer legte Teile des Dorfes und des Klosters in Asche, auch das Münster. Der Wiederaufbau band Kraft und Geld, über Jahre.

Von aussen betrachtet stand der Ort weiter da: die Wallfahrt, die Gnadenkapelle, der Name, der in halb Europa Klang hatte. Innen wurde es leer. Beides war gleichzeitig wahr, und genau das machte die Lage so schwer erkennbar. Ein Ort kann glänzen und sterben zugleich.

Dann verändert sich die Welt

1516 kommt ein junger Priester aus Glarus nach Einsiedeln. Diebold von Geroldseck, seit 1513 Pfleger des Klosters und faktisch der Mann, der die laufenden Geschäfte führt, überträgt ihm am 14. April 1516 die Leutpriesterstelle, also die Seelsorge für Pilger und Dorf. Der Priester heisst Huldrych Zwingli.

Zwingli ist zu diesem Zeitpunkt kein Reformator. Er ist ein gebildeter Seelsorger, geprägt vom Humanismus, im Austausch mit Erasmus von Rotterdam. Aber er steht für etwas, das grösser ist als er selbst: für eine Welt, die anfängt, alte Gewissheiten zu prüfen. Geroldseck öffnet sich diesen Gedanken. Die beiden Männer lesen, diskutieren, denken. Einsiedeln, ausgerechnet der grosse Wallfahrtsort, wird für zwei Jahre ein Ort des neuen Denkens.

1518 zieht Zwingli weiter, ans Grossmünster nach Zürich. Was er dort auslöst, kennt jedes Geschichtsbuch: Die Reformation erfasst Zürich, dann weite Teile der Eidgenossenschaft. Bilder verschwinden aus Kirchen, Obrigkeiten heben Klöster auf, die Wallfahrt selbst gerät unter Rechtfertigungsdruck. Ausgerechnet jetzt, wo Einsiedeln innen kaum noch Substanz hat, stellt die Umwelt die Frage, wozu es diesen Ort überhaupt noch braucht.

Das ist die gefährlichste Konstellation, die es für eine Institution gibt: Innen versiegt die Fähigkeit, sich zu erneuern. Aussen verschiebt sich die Welt, die den Ort bisher getragen hat. Jede der beiden Entwicklungen wäre für sich verkraftbar gewesen. Zusammen wurden sie existenziell.

Dann gehen auch die Menschen

1525 verlässt Diebold von Geroldseck Einsiedeln. Der Mann, der zwölf Jahre lang die tatsächliche Führung getragen hat, ist Zwinglis Lehre zugeneigt und mit den Schwyzern darüber zerfallen. Er wird später in Zürich leben und 1531 in der Schlacht bei Kappel sterben, an der Seite Zwinglis.

Für Einsiedeln bedeutet sein Weggang mehr als der Verlust einer Person. Es geht die Hand verloren, die den Betrieb zusammenhielt. Übrig bleibt, was auf dem Papier schon lange stand und nun auch im Alltag sichtbar wird: eine jahrhundertealte Institution, ein europaweit bekannter Ort, ein riesiger Besitz.

Und als klösterliche Gemeinschaft: ein Mann von 86 Jahren.

Das Vakuum

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Zurück zum Sommer 1526. Konrad kann nicht mehr. Am 20. Juli verzichtet er.

Halten Sie diese Leere einen Augenblick aus, ohne zur Lösung zu springen. Ein Kloster ohne Konvent kann keinen Abt wählen, denn die Wahl ist Sache des Konvents. Die kirchliche Ordnung, die für solche Fälle zuständig wäre, hat mit sich selbst zu tun: Rom ringt mit der Reformation, mit der Politik der Mächte, mit den eigenen Finanzen. Von dort kommt keine Initiative. Die Ordnung, die den Ort retten müsste, bringt keine Rettung hervor.

Es gibt in solchen Momenten eine naheliegende Haltung: abwarten. Es ist ja jemand zuständig. Irgendeine Instanz wird sich melden. Die Versuchung, in diesem Gedanken Ruhe zu finden, ist gross. Zuständigkeit fühlt sich an wie eine Antwort. Sie ist nur eine Adresse. So sterben Orte. Nicht durch einen Beschluss, sondern durch die Summe aller, die zuständigkeitshalber nichts tun.

In Einsiedeln kam es anders. Und zwar von einer Seite, von der es niemand verlangen konnte.

Die Schwyzer reissen das Heft an sich

Landammann und Rat von Schwyz, die politische Führung eines bäuerlich geprägten Gemeinwesens, übernehmen die Sache selbst. Nicht Rom. Kein Kardinal, kein Bischof. Ein Rat von Bauern und Landleuten kümmert sich um die Nachfolge in einer der bekanntesten Abteien Europas. Männer, die ihr Leben lang Vieh, Allmenden und Marchsteine verwaltet haben, verhandeln nun über die Zukunft eines Ortes, dessen Name in Rom bekannt ist.

Sie tun das nicht erst im Juli. Bereits am 20. Januar 1526 haben sie Martin von Kriens als weltlichen Schaffner eingesetzt, damit wenigstens die Verwaltung des Gotteshauses weiterläuft. Sie haben also Monate vor Konrads Verzicht gehandelt, als das Problem absehbar, aber noch nicht offiziell war. Wer den Kalender liest, erkennt: Der Verzicht vom 20. Juli hat sie nicht überrascht. Sie waren vorbereitet.

Man darf die Schwyzer dabei nicht zu Helden ohne Eigeninteresse verklären. Sie waren Schirmherren des Klosters, und Schirmherrschaft war nie reine Fürsorge. Der Ort bedeutete Einfluss. Die Wallfahrt brachte Menschen und Geld in ihre Landschaft. In einer Zeit, in der Zürich den alten Glauben verliess, war ein lebendiges Einsiedeln zudem ein politisches Zeichen. Religiöse Überzeugung, Machtinteresse, wirtschaftliches Kalkül: Vermutlich war es von allem etwas, die Quellen erlauben keinen Blick in die Köpfe.

Aber die Handlungen sind überliefert, und sie sprechen deutlich. Die Schwyzer besassen nicht das kirchenrechtliche Mandat, einen Abt zu bestimmen. Sie taten es trotzdem. Ihr Landvogt wandte sich an den Abt von St. Gallen mit der Bitte, einen seiner Mönche für Einsiedeln freizugeben. Der St. Galler zögerte, ihm war das kirchenrechtlich nicht geheuer. Die Schwyzer blieben dran.

Der eine Satz, an dem sich diese Geschichte entscheidet, steht genau hier: Sie suchen einen Abt für ein Kloster, das praktisch keine Mönche mehr hat.

Lesen Sie den Satz ruhig zweimal. Nach jeder nüchternen Logik ist er absurd. Ein Abt ist der Vorsteher einer Gemeinschaft. Die Gemeinschaft existiert nicht mehr. Wer trotzdem einen Abt sucht, sieht nicht das Kloster, das ist. Er sieht das Kloster, das wieder sein könnte. Anders lässt sich diese Suche nicht erklären.

14. August 1526

Ludwig Blarer von Wartensee, Mönch und Dekan des Klosters St. Gallen, kommt nach Einsiedeln. Am 14. August 1526, am Vorabend von Mariä Himmelfahrt, dem grossen Fest des Ortes, setzen ihn die Schwyzer als Abt ein.

Es lohnt sich, diesen Tag nicht grösser zu machen, als er war. Am Abend des 14. August 1526 existiert keine wiederaufgeblühte Gemeinschaft. Es gibt keinen Konvent, der seinen neuen Abt umringt. Es gibt keine Garantie, dass je wieder einer entsteht. Die kirchenrechtliche Lage ist ungeklärt: Die päpstliche Bestätigung durch Clemens VII. wird erst am 26. April 1533 eintreffen, fast sieben Jahre später. Sieben Jahre lang führt Blarer ein Amt, dessen höchste Instanz es noch nicht anerkannt hat.

Und doch ist an diesem Abend etwas anders als am Morgen des 20. Juli. Es gibt wieder einen Menschen, der am nächsten Tag aufstehen kann, um diesen Ort aufzubauen. Mehr ist es nicht. Weniger auch nicht.

Konrad von Hohenrechberg stirbt gut zwei Wochen später, am 1. September 1526. Er hat seinen Nachfolger noch gesehen.

Ein besserer Ort kostet etwas

Wäre dies eine Anekdote für Sonntagsreden, würde sie hier enden: mit dem Bild des neuen Abtes am Vorabend des Festes. Die Wirklichkeit war zäher, und diese Zähigkeit gehört zur Geschichte.

Die Schwyzer selbst behandelten ihren Einsatz nicht als Geschenk. Sie liessen sich vom neuen Abt versprechen, jederzeit Rechnung zu legen und kein Klostergut ohne ihre Erlaubnis zu veräussern. Wer so etwas verlangt, verschenkt nichts. Er investiert und sichert seine Investition ab.

Blarer wiederum stand vor einer Aufgabe, für die es keinen Bauplan gab. Blarer musste neue Mönche gewinnen, für ein Haus mit ungewisser Zukunft, mitten in einer Zeit, in der reihum Klöster untergingen. Die alte Regel, nur Adelige aufzunehmen, musste fallen, jene Regel, die den Niedergang mitverursacht hatte. Erst 1535, neun Jahre nach jenem August, nahm Blarer zwei Novizen bürgerlicher Herkunft auf. Neun Jahre bis zum ersten sichtbaren Nachwuchs. Die Anerkennung aus Rom musste er sich ebenfalls über Jahre erarbeiten, während draussen der Glaubensstreit weiterging und 1531 bei Kappel sogar zur Schlacht wurde.

Hier zeigt sich, was Vorstellungskraft leistet und was nicht. Ein besserer Ort entsteht nicht dadurch, dass jemand ihn sich vorstellen kann. Das Bild rettet nichts aus eigener Kraft. Aber es macht Entscheidungen möglich, die aus dem Status quo heraus unvernünftig erscheinen: einen Abt berufen ohne Konvent, eine Identitätsregel kippen, neun Jahre auf den ersten Novizen warten, ohne aufzugeben. Wer nur den Ist-Zustand sieht, trifft keine dieser Entscheidungen. Jede einzelne wäre ihm als Verschwendung erschienen.

500 Jahre später

Heute ist der 14. August 2026. Auf den Tag genau 500 Jahre sind seit jener Einsetzung vergangen. Das Kloster Einsiedeln lebt. Mönche beten, arbeiten, empfangen Pilger. Das Haus begeht dieses Jahr ein Jubiläum, das an genau diese Wende von 1526 erinnert.

500 Jahre sind kein Pathos, sie sind ein Messwert. Niemand am 14. August 1526 konnte wissen, was wir heute wissen. Es gab keinen belastbaren Plan für fünf Jahrhunderte, nicht einmal für fünf Jahre. Es gab am Anfang nur Menschen, die einen lebendigen Ort nicht sterben lassen wollten. Und die bereit waren, aus diesem Bild Konsequenzen zu ziehen: Geld, Verpflichtungen, Konflikte mit der zuständigen Ordnung, Geduld über Jahre.

Die Zuständigen schauten dem Niedergang einfach zu. Die Verantwortlichen haben den Ort gerettet. Der Unterschied zwischen beiden stand in keinem Amtsverzeichnis.

Vielleicht ist es bei Ihnen kein Kloster

Vielleicht ist es ein Unternehmen. Ein Geschäftsbereich, den die Zentrale nur noch verwaltet. Ein Produkt, das alle noch loben und keiner mehr weiterentwickelt. Eine Plattform, in die niemand mehr investiert. Ein Team, das seine besten Leute verliert, eines nach dem anderen. Eine Transformation, der auf halber Strecke die Kraft ausgegangen ist, und deren Vorsteher, wie Konrad, schlicht nicht mehr kann.

Vielleicht sind Sie nicht einmal zuständig. Im Organigramm steht ein anderer Name, eine andere Abteilung, ein Gremium. Vielleicht warten Sie deshalb. So wie ganz Europa hätte warten können, bis sich Rom um ein leeres Kloster in den Schwyzer Bergen kümmert.

Aber vielleicht geht es Ihnen wie den Schwyzern in jenem Winter, als sie Monate vor dem offiziellen Ende einen Schaffner einsetzten: Sie sehen bereits etwas, das andere noch nicht sehen. Nicht den heutigen Zustand des Ortes, sondern das, was er wieder sein könnte. Der erste Schritt der Schwyzer war nicht die Berufung eines Abtes. Es war ein Verwalter im Januar, damit die Rechnungen weiterliefen. So unspektakulär darf ein Anfang sein. Wenn dieses Bild da ist, wird aus der Frage der Zuständigkeit eine andere Frage, eine unbequemere.

Die Schwyzer haben nicht gefragt, ob sie an der Reihe sind. Sie haben gefragt, ob der Ort leben soll, und aus der Antwort Konsequenzen gezogen.

Wo warten Sie noch darauf, dass der Zuständige handelt, obwohl Sie längst sehen, was aus dem Ort werden könnte?

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Über den Autor

Adrian Bourcevet

Adrian Bourcevet

Experte für Analytics, Daten und KI. Unterstützt Unternehmen dabei, aus Daten wertvolle Erkenntnisse zu gewinnen.

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